DER KINDERTRANSPORT

Seit der Durchführung eines gemeinsamen Forschungsprojekts am Centre for German-Jewish Studies an der University of Sussex im Jahr sind dankenswerterweise einige der deutsch-jüdischen Kinder, denen zwischen der Reichskristallnacht und dem Ausbruch des 2. Weltkrieges im Rahmen der Kindertransporte die Flucht nach England ermöglicht wurde, als Zeitzeugen zu Gast an unsere Schulen gewesen.

 

Zur Vorbereitung dieser Unterrichtseinheit sahen unsere Schüler und Studierenden u.a. den oskargekrönten Dokumentarfilm "Into the Arms of Strangers", der die immer größere Bedrohung für die Juden in Nazi-Deutschland sehr eindringlich wiedergibt und die verzweifelte Lage vieler Familien schildert, die alles nur Erdenkliche unternahmen, um auszuwandern, aber außer z.B. China und der Dominkanischen Republik kein Land fanden, das ihnen Exil gewährt hätte.

So sahen schließlich rund 10,000 Eltern keine andere Wahl, als ihre Kinder zwischen vier und sechzehn Jahren in eine ungewisse Zukunft in das einzige Land zu schicken, das bereit war, alleinreisende Minderjährige aufzunehmen und für sie zu bürgen – Großbritannien.

Wie diese Kinder, von denen nur etwa zehn Prozent ihre Eltern je wiedersehen sollten, weil die die große Mehrheit der Vernichtungsmaschinerie Hitlers zum Opfer fielen, die Rettungsaktion mit Namen Kindertransport empfanden, wie sie sich in ihrer neuen Heimat zurechtfanden und wie ihr weiterer Lebensweg verlief, wurde unseren Schülern und Studierenden dann sehr eindrucksvoll von den Betroffenen selbst geschildert.

Wir möchten daher den folgenden Rednern noch einmal ganz herzlich für Ihre bewegenden Schilderungen danken, die sehr viel einprägsamer und nachdrücklicher als jedes Geschichtsbuch das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte lebendig werden ließen, wie aus der gespannten Stille während der Vorträge und den interessierten Fragen danach zu schließen war.

So erlebten unsere Studierenden mit Vernon Saunders jemanden, der sehr früh gelernt hat, selbst aus widrigsten Umständen stets das Beste zu machen, den Blick fest in die Zukunft gerichtet und nur selten zurückschauend auf eine Zeit, in der er seine nächsten Verwandten verlor. Die zweite Hälfte seines Arbeitslebens konnte er dementsprechend ohne größere innere Konflikte als Pendler zwischen England und Deutschland verbringen und hier alte und neue Freundschaften pflegen. Die Schlussbemerkung seines Vortrags – während die heutige Generation Deutscher nicht für die Verbrechen ihrer Großeltern verantwortlich sei, solle man aber auch das Geschehene nie vergessen –, wurde von den Schülern mit sehr viel Erleichterung aufgenommen.

VernonSaunders

Dem Vorsitzenden der Kindertransport-Organisation innerhalb der Association of Jewish Refugees, Hermann Hirschberger, der in seinen Vorträgen keinen Hehl daraus machte, dass er sein Leben lang unter den Folgen der Trennung von seinen Eltern, die schließlich in Auschwitz ermordet wurden, zu leiden hatte, war es dagegen ein stärkeres Anliegen, jungen Deutschen ihre Pflicht und Verantwortung vor der Geschichte vor Augen zu führen. Hier war sehr stark die Betroffenheit der Studierenden zu spüren, die kollektives Leid über die Schilderung eines Einzelschicksals ansatzweise zu begreifen begannen. Ganz klar erkannten sie auch, dass diese Rettungsaktion, obwohl sie 10000 Kindern das Leben rettete, während 1,5 Millionen Kinder in den Konzentrationslagern umgebracht wurden, zwar vielen ein äußerlich normales, erfolgreiches Leben ermöglichte, das Trauma der Trennung und die Todesumstände der Eltern aber häufig nie überwunden wurde.

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Copyright: http://www.princeofwales.gov.uk/gallery-year/2005/050705_kindertransport.html

Bertha Leverton schließlich, die zusammen mit ihren Geschwistern von einer englischen Familie als billiges Dientsmädchen ausgenutzt wurde und keine weiterführende Schule besuchen durfte, erzählte von ihrer großen Lebensleistung, nämlich die erste Wiedersehensfeier der Kinder, wie sie sich heute noch nennen, 50 Jahre nach ihrer Ankunft in England organisiert zu haben.

 

Für die Betroffenen, denen das Ausmaß dieser Rettungsaktion bis dahin selbst überhaupt nicht bewußt gewesen war, und die durch die Zwänge, sich ohne elterliche Hilfe ein neues Leben aufbauen zu müssen, weder die Zeit noch die Kraft besessen hatten, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, bedeutete dies, dass viele erst jetzt mit der Aufarbeitung ihrer Traumata begannen. Während in der Nachkriegszeit die "conspiracy of silence" dazu geführt hatte, dass weder Nachbarn noch Bekannte, ja oft nicht einmal die eigenen Kinder über die Geschichte ihrer Eltern Bescheid wussten, um nicht in alten Wunden zu rühren und andere nicht mit dem eigenen Schicksal zu belasten, fiel das Reden mit der Generation der Enkelkinder, die unbefangener mit dem Thema umgehen konnten, leichter. Und so liegen inzwischen zahlreiche autobiographische Aufzeichnungen von Kindertransportkindern vor, die dazu beigetragen haben, eine wichtige Lücke in der Geschichtsforschung zu schließen. Denn so rückte das Thema "Kindertransport" endlich in das Bewußtsein einer größeren Öffentlichkeit in England, Amerika und Deutschland, so dass das Schicksal der Kinder inzwischen Gegenstand einer Reihe von Forschungsprojekten geworden ist, von denen viele zum Ziel haben, minderjährigen Flüchtlingen unserer Tage effektivere Hilfe bei der Bewältigung neuer Lebenssituationen und zur Vermeidung psychologischer Spätschäden leisten zu können.

Iris Guske

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